Stratovarius ohne Timo Tolkki - ich hätte wohl im
vornherein keinen Cent darauf gesetzt, dass ein solches Unterfangen
auch nur ansatzweise gelingen könnte. Aber hunderttausend heulende
Höllenhunde, es klappt! 2009 sind Stratovarius auf
einmal eine Band mit mehreren Songwritern, und das Ergebnis dessen
lässt mich vermuten, dass das Scheitern der alten Besetzung vor allem
an den gern zitierten "persönlichen Gründen" lag. Denn auch wenn man
deutlich hört, dass das neue Material nicht mehr aus der Feder des
exzentrischen Gitarrengenies stammt, so liegen andererseits auch keine
stilistischen Welten dazwischen. Böse Zungen könnten gar von einer
Nummer-Sicher-Platte sprechen, eine solche ist aber nach all dem Chaos
der letzten Jahre als Positionsbestimmung vielleicht einfach notwendig
gewesen. Zumal zumindest meine Wenigkeit darüber auch nicht nörgelt,
wenn sie in dieser lange nicht mehr gehörten Qualität daherkommt.
Eröffnet wird mit dem bereits vorab im Internet präsentierten "Deep
Unknown", einem recht ordentlichen, aber nicht spektakulären
Midtempotrack, der ebenso wie die beiden folgenden (klar besseren!)
"Falling Star" und "King Of Nothing" zwar noch keine Maßstäbe setzen
kann, aber schon mal klarmacht, dass es die Band wieder wissen will und
in Abwesenheit von Tolkki Keyboarder Jens Johansson als neuen
Standout-Player etabliert, der mal ebenso in Laune ist, ein Solo zu
zocken wie der (solide, aber bis auf ein paar hymnische Leads jetzt
nicht sooo auffällige) Neuzugang an der Gitarrenposition, Matias
Kupiainen. Womit Johansson erstaunlichweise einiges von Feeling der
alten Platten zurückbringen kann.
Das erste echte Highlight stammt auch aus der Feder des
Tastenkaisers - das flotte, megahymnische "Blind" erinnert stark an die
Tage, als Bands wie Stratovarius erstmals für die schwächelnden Helloween
in die Bresche springen mussten und den Melodic Metal in den 90ern für
eine neue Generation Metalheads interessant machten. Mit den ebenso
gelungenen "Forever Is Today" und dem vielleicht etwas arg fröhlichen
"Higher We Go" sind denn auch noch zwei ähnlich gelungene Beiträge in
dieser Disziplin vertreten.
Der Rest von "Polaris" spricht aber eine getragenere, zuweilen auch
epischere Sprache (das zehnminütige, zweiteilige "Emancipation Suite"
vor allem schlägt in die letztgenannte Kerbe). Vor allem die
atmosphärisch starke, mit einem wunderschönen Piano-Solo von Jens
versehene Ballade "Winter Skies" zählt zum stärksten Material der Band
ever. Wogegen das klassisch arrangierte "When Mountains Fall" etwas
unter der allzu deutlichen Anlehnung an den Eigen-Classic "Forever"
leidet, aber dennoch den grossen Zugewinn, den Stratovarius vor allem kompositorisch mit Neu-Bassist Lauri Porra gemacht haben, illustriert.
Kurz gesagt: mit dieser Band ist wieder zu rechnen. "Polaris" is a winner.
(c)2009, Ernst Zeisberger