Mal ehrlich, Leute, bei Savatage läuft was falsch. Seit Jahren passiert absolut nix, nix und abermals nix. Klar, das erfolgreiche TSO -Nebenprojekt verbraucht viiiiel Zeit und auch die Nerven vieler Sava-Fans, aber den Erfolg gönnt man den Jungs ja schon. Und zwischendurch wird doch wohl Zeit sein, mal wieder was mit der Hauptband auf die Reihe zu bekommen, oder? Oder? ODER?????
Natürlich nicht! Da gewisse Leute in der Band (ich schaue in Ihre Richtung, Mr. O'Neill!) es leider vorziehen, zum x-ten Mal den Soundtrack zum Weihnachtsmarkt aufzunehmen und sich sodann zum Zählen der erwirtschafteten Moneten in den heimischen Geldspeicher zurückzuziehen, müssen die anderen Protagonisten halt solo an die Front. Traurig, aber wahr.
Aber sollte sich der geneigte Sava-Banger darüber überhaupt lautstark empören? Oder gibt es für ihn nun gleich zweimal den potentiellen Nachfolger von "Poets And Madmen"? (Oder war das bereits Zak Stevens' Rückkehrerscheibchen "Watching In Silence"?) Fragen über Fragen...schau'n mer mal.
Chris Caffery war ob des langjährigen Nichtstun im Sava-Camp hörbar frustriert. Ergo kommt er gleich mit einem Doppelalbum über den großen Teich geschippert. "Faces" und "God Damn War", die der Musikus in einem Atemzug aufgenommen hat, sind nichtsdestotrotz zwei sehr verschiedene Platten. Letztgenannte ist fast durchgehend sehr heftig, erinnert auch streckenweise deutlich an das legendäre Dr. Butcher -Projekt - kein Wunder, stellt die Scheibe doch Chris' persönliche, kritische Abrechnung mit dem Irakfeldzug dar. "Faces" hingegen ist facettenreicher, abwechslungsreicher (wenn auch natürlich der Großteil der Songs auch locker unter dem Savatage-Logo hätte veröffentlicht werden können) und nebenbei auch fast doppelt so lang.
Für beide Alben gilt jedoch eins: Chris zeigt hier mehr als eindrucksvoll, daß er deutlich mehr kann, als man ihn bei Savatage machen läßt und daß er bei gegebener Gelegenheit durchaus aus dem übermächtigen Schatten des viel zu früh verstorbenen Criss Oliva zu treten imstande wäre. Denn hier gibt's superheftige Riffs am Fließband wie seit seligen Dr. Butcher-Tagen nicht mehr ("Faces", "Pisses Me Off" oder auch der überragende "God Damn War"-Titeltrack), andererseits kommt der Mann auch mal eben so mit einer super-gefühlvollen Ballade wie "Never" daher, die den Großteil des Savatage-Plüschrepertoires seit "Edge of Thorns" problemlos in die Schranken verweist oder gibt sich wie im instrumentalen "Preludio" auch mal virtuos-filigran in Fiedellaune, daß es nur so eine Freude ist. Zudem hat der Blondschopf auch selbst zum Mikro gegriffen und ähnelt dabei zumindest in den härteren Stücken dem Mountain King in seiner 80er Phase erstaunlich. Ohne natürlich an dessen unglaubliches Charisma heranzukommen.
Klar, Abstriche sind natürlich zu machen, vor allem "Faces" enthält mit beinahe 80 Minuten Spielzeit leider den einen oder anderen Füller, aber alles in allem bietet der gute Chris hier mächtig value for money.
Jon Oliva hingegen hat zwar nur eine CD mit rund einer Stunde Spielzeit aufgenommen, aber diese in weiser Voraussicht schon mal als "Chapter One" bezeichnet. Denn zwei weitere Alben mit derselben Mannschaft sollen ja folgen. Der Titel "'Tage Mahal" deutet ja schon an, was hier abgeht: Savatage pur sind die dreizehn Songs, und im Gegensatz zu dem teilweise deutlich back to the roots gehenden Chris Caffery war Jon offensichtlich mit der zuletzt eingeschlagenen Marschroute voll und ganz zufrieden. "'Tage Mahal" hätte jedenfalls problemlos als "Poets And Madmen"-Nachfolger herauskommen können, und wohl kaum jemand hätte den Unterschied bemerkt.
Nur gibt sein Soloprojekt dem sympathischen Obelix die Chance, nicht mehr jeden Song derart rigoros in ein Metal-Korsett stecken zu müssen, und so kokettiert er hier schon mal recht deutlich mit klassischem Hardrock, einige Songs haben gar, auch dank der dezenten Oldschool-Orgelsounds, einen recht coolen Deep Purple-Vibe, den man so bisher nicht von Mr. Oliva vernehmen durfte.
Sonst? Der überragende Opener "The Dark" mit seiner ausgefeilten Chorarbeit ist mal wieder Queen pur, das ohrwurmige "People Say - Gimme Some Hell" erinnert mit seinen Tröten-Einlagen einerseits an "Jesus Saves" und reiht auf der anderen Seite textlich munter Savatage-Songtitel am laufenden Bande aneinander, "Guardian Of Forever" ist superepisch und hätte ganz exzellent auf "Handful Of Rain" gepaßt. Und in ähnlicher Manier geht's denn auch weiter, mal theatralischer ("The Nonsensible Ravings Of The Lunatic Mind" oder "Father; Son, Holy Ghost"), dann natürlich auch mal balladesk und/oder pianogetrieben ("Fly Away", "Walk Alone"). In den härteren Songs wie "No Escape" oder "Pain" fehlt mir hingegen das letzte wirklich zündende Riff, jedoch kann man erleichtert feststellen, daß sich Jons Stimme wieder deutlich auf dem Weg der Besserung befindet. Wenn er auch die ganz hohen Passagen wie ehedem vermeidet, so ist seine Vocal-Performance doch der eher holprigen Vorstellung auf "Poets..." wieder um Lichtjahre überlegen. Wenn Savatage denn in Zukunft wirklich nix mehr gebacken bekommen sollten, hat man mit Jon Oliva's Pain durchaus einen hoffnungsvollen Nachfolger in petto.
Fazit? Beide Soloalben sind erwartungsgemäß stark, sehr stark geworden. Aber die Grenze, die ein sehr gutes Album von einem All-time-Klassiker trennt, können sie beide auch nicht überschreiten. Beiden fehlt irgendwie der letzte Schliff. Oft habe ich beim Anhören von Chris' Dampfhämmern gedacht: "Mensch, wenn jetzt hier Jon in alter Klasse alles kurz-und-kleinschreien würde, dann wäre das ein gottverdammter Killer!". Im Gegenzug hätte Caffery wohl auch den einen der anderen Oliva-Tracks (s.o.) gitarrentechnisch noch ordentlich aufmöbeln können. Ein Savatage-Album mit den stärksten, gemeinsam aufgenommenen Songs dieser zwei (bzw. drei) Alben, das wage ich mal zu fantasieren, wäre wohl ein alles zerstörender Klassiker geworden. So bleiben uns "nur" zwei sehr gute Platten. Schade eigentlich.
(c)2004, Ernst Zeisberger