Es gibt Alben, deren ersten
Hördurchgang auf der heimischen Anlage man niemals mehr vergisst. DoomSwords
Debüt gehört für mich dazu, das letztjährige Meisterwerk von While Heaven Wept
("Vast Oceans Lachrymose") auch, Solstices "New Dark Age" mit Sicherheit
ebenfalls - und wer erinnert sich nicht an seinen allerersten Kontakt mit
Manowars frühen Geniestreichen und Bathorys "Twilight Of The Gods"? Allesamt
Alben, die, und da bin ich mir sicher, Metalgeschichte geschrieben haben.
Auch Atlantean Kodex Debüt-EP "The Pnakotic Demos" muss meines Erachtens in dieser Aufzählung
enthalten sein, denn Songs wie "From Shores Forsaken" oder
"The Hidden Folk" ließen nicht nur aufhorchen, nein, sie erschütterten geradezu
Teile des deutschen Metalundergrounds, der bislang von stilistisch ähnlichen
Bands sträflichst vernachlässigt wurde. Sicherlich - es gab und gibt deutsche
Doombands, die ebenfalls einiges auf dem Kasten haben, aber eine Combo, die
tatsächlich so tönte, als würde sie den verwaisten Thron Manowars besteigen
wollen, die seit Jahren durch Unwahrheiten und Unverschämtheiten selbst ihre Die
Hard-Fans verschreckten, gab es noch
nicht.
Drei Jahre ist es also her, dass wir "The White Ship"
bestiegen. Drei Jahre, in denen nicht wenige fragten, ob man noch mal ähnlich
packende Weisen von den fünf Süddeutschen wird hören können. Das Warten hat aber
nun, um mal eine Floskel zu vermeiden, endlich ein Ende und mit "The Golden
Bough" wird Anfang Oktober endlich das langerwartete Full-Length-Debüt in den
Läden stehen.
"Cold are the waves that carry our ships
through uncharted seas to our homeland.
Stormclouds gather as we approach
The Gates Of Twilight Await"
Mehr als ein an "From Shores Forsaken" angelehnter, atmosphärischer
"Nassstart",
gefolgt von einem einfachen, nach vorne drückenden Riff und diesen ersten vier
gesungenen Zeilen braucht es nicht, um
unmissverständlich klarzumachen, dass Atlantean Kodex genau da weitermachen, wo
sie vor drei Jahren aufhörten. Episch und erhaben steht er da, der Opener
"Fountain Of Nepenthe" und zeigt zuallererst, wie eine natürliche Produktion
heutzutage tönen kann. "Das klingt ja gar nicht so fett wie meine anderen CDs!"
höre ich einige schon lamentieren - tja, das sind wirklich Gitarren, so klingt
tatsächlich ein echter Bass und so ein wirkliches Schlagzeug. Unglaublich, aber wahr -
viele sind solch einen Sound inmitten all der perfekten, kanten- und konturlose
Fließbandproduktionen dort draußen, kaum mehr gewohnt.
Aber noch mehr zeigt dieser erste Zehnminüter, dem noch zwei weitere
überlange Epen ("Pilgrim" und "A Prophet In The Forest") folgen sollen: Die Herren Trummer,
Becker, Weiß, Koch und Kreuzer sind bereits zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere ein
perfekt aufeinander eingespieltes Team, welches zu großen Taten imstande ist -
und die zweite Großtat nennt sich "The Golden Bough" und ist das beste deutsche
Metalalbum seit vielen Jahren. Punkt.
Ich könnte jetzt jeden einzelnen Song bis aufs kleinste Detail sezieren,
könnte erwähnen, wie fantastisch ausschließlich alle, immer einen latent
melancholischen Touch verbreitende Texte des Albums sind, die weit entfernt sind
vom tumben Metalklischee und peinlichem "Ich-bin-so-böse,-hasse-die-noch-bösere-Welt,-alle-Christen-und-überhaupt-alle-Menschen-außer-Mama"-Gestammele, könnte dutzende Melodien
hervorheben, die, gesungen oder von der immer brillanten Leadgitarre gespielt,
man nicht mehr loswird, könnte den Abwechslungsreichtum des Albums loben, denn
hier klingt nichts wie im Song zuvor schon mal gehört, könnte also hymnenhaftes
wie "Atlantean Kodex", flottes, eher banduntypisches wie "Disciples Of The Iron
Crown", tränentreibendes wie "Vesperal Hymn", die erwähnten epischen
Jahrhundertsongs oder das abschließende kurze, aber ungemein intensive "The
Golden Bough" lobpreisen und könnte auch den packenden,
melodiösen Gesang von Markus Becker herausstellen (ein "Screamer" wie Eric Adams würde zu den Songs überhaupt nicht passen
und sie zerstören), - ihr wäret nur gelangweilt.
Eines nur sei mir noch gestattet. Ein Blick auf meine jährliche "Alben des
Jahres"-Liste der vergangenen Jahre, gefolgt von einem kurzen Nachdenken,
während "The Golden Bough" zum mindestens hundertsten Mal läuft, zeigt nicht nur
wunderbar, dass "The Golden Bough" das Jahr 2010 ohne Zweifel anführen wird,
nein: es würde auch, stünde ein sinnloser Wettbewerb zwischen diesen jährlich rein
subjektiv von mir ausgewählten Scheiben des Jahres zur Debatte, um die Spitze kämpfen. Aber
dieser Listenwahn ist letztlich völlig egal. Fakt ist, dass es sich bei "The
Golden Bough" um einen berührenden, entrückten Meilenstein der (nicht nur) deutschen Metalgeschichte handelt und
Atlantean Kodex eine auch international absolut konkurrenzfähige Epic
Metal-Combo ist, auf die wir unendlich stolz sein dürfen.
Bow your head - Atlantean Kodex.
(c)2010, Michael Kohsiek