Power Symphony: Evillot

Die CDemos von dieser italienischen Metaltruppe um Sängerin Michela D'Orlando (möchte mal wissen ob das ihr wirklicher Name ist oder ob sie sich nach dem epischen Gedicht "Orlando Furioso" benannt hat) sind mir nicht geläufig. Deswegen kann ich die bisweilen sehr negativen Resonanzen auf das über North Wind/Radiation/Nuclear Blast veröffentlichte Debüt "Evillot" nicht so recht verstehen. Mag sein, dass der epische Power Metal des Quartetts produktionell eben jene Power vermissen lässt die auf den Eigenpressungen drauf sein soll; diese einfach sehr intelligent arrangierte und kurzweilige Platte aber deswegen so zu verreissen, geht mir zu weit. Denn wenn schon Fantasy Metal (inklusive bescheuertes Cover im Digipack-Format), dann bitteschön so geschrieben und vorgetragen wie auf "Evillot". Die Melodien regieren hier ohne Hammerfalli-Tralalalli mit einem dramatischen Touch und jeder Menge Überraschungen. Der Doublebass hämmert gaaaaanz vorne im Mix (ja: auf Kosten der leider drucklosen Gitarren), daran musste ich mich erst gewöhnen, aber na ja, ist mal wieder was anderes als immer nur dieselben Morrisound-/Woodhouse-Standards. Ewiger Sonnenschein ist ja auch todlangweilig. Recht beeindruckend finde ich die Leistung von Front-Loreley D'Orlando: nicht nur hat sie eine auffallend saubere, sympathische Stimme (die an mancher Stelle merkwürdigerweise erinnert an die Stimme der ex-Sugarcubes-Fronterin Björk aus Island), sondern sie versteht es tatsächlich, zur Musik die passenden Vocallines zu kreieren. Zu oft besitzen gute Sänger(innen) nicht das Talent/Glück für qualitativ entsprechende Gesangsmelodien (vor allem was die Refrains angeht), was dann doppelt schade ist. Michela D'Orlando zaubert aber klasse Gesangslinien zu fast jedem Song und bei den mehrstimmigen Parts kann da schon manchmal Quatro Stagioni-Gänsehaut aufkommen, wie z.B. in den ersten zwei Songs "Battles in the twilight" und "Shores of my land". Erstgenannter geht jubelnd doch koordiniert nach vorne los, hat einen hymnischen Refrain und wirkt sauber arrangiert, wie übrigens die ganze Scheibe. Der zweite Track ist getragener und episch heisst hier die Devise. Fein ausgearbeitete Details wie eben die mehrstimmigen Teile kommen dank Michelas solider englischen Diktion sehr gut rüber. (Daran mangelt es speziell bei den Italienern oft, obwohl das auch wieder eine gewisse Charme haben kann.) Der Titelsong ist abwechslungsreich, aber das schnelle "The curse of every man" (mit Pet Shop Boys-Gitarrensolo-Rip-off!) finde ich die beste Nummer der CD. Herzstück der Platte bildet die "Inferno Suite", bestehend aus drei Teilen ("Dies Irae/Into the shadowed forest", "Inferno" und "Confutatis"). Dieses überlange musikalische Gegenstück zu den Mythen der Antike hat ihre Schwächen in der Komposition (vor allem während "Inferno"), aber der vokale Björk-Touch in "Confutatis" besitzt wieder einen kuriosen Reiz. Die Überzeugung mit der Power Symphony (mitsamt sieben Gastmusikern) diesen in letzter Zeit so überstrapazierten Stil spielen ist lobenswert. Wenn das nächste Mal das Manko der guten Soundverhältnisse behoben werden kann und man die anspruchsvollen Arrangements beibehält, dann könnte uns ein Italo-Metal-Highlight ins Haus stehen. (Ach ja: und dann verkneift euch bitte den Hidden Gag, sorry; Track.)

(c) 1999, Oliver Kerkdijk

1